Ausgangssituation


Der Straßenverkehr ist in Jena ein Top-Thema, zu dem fast alle eine Meinung haben. Egal, ob zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Rollstuhl, dem PKW, dem LKW, dem E-Roller: eine Vielzahl von Bedürfnissen und Interessen prallen aufeinander. Ohne Mobilität läuft nichts. Allerdings sind manche Wege und Verkehrsmittel auch vermeidbar. Die Wahl hängt von der Verfügbarkeit, der Praktikabilität und den Kosten ab.

So notwendig das Zurücklegen von Wegen und die Überbrückung von Distanzen für Menschen sind, so belastend ist Verkehr auch für Anwohner*innen, (andere) Verkehrsteilnehmer*innen, Klima und Mitwelt. Insbesondere in städtischen Ballungsräumen, aber auch im ländlichen Bereich häufen sich durch die stetige Zunahme des Verkehrs (vor allem des motorisierten Individualverkehrs) Konflikte, die zwangsläufig auf andere Bereiche des Zusammenlebens übergreifen.

Auch aufgrund begrenzter Ressourcen dürfen das Volumen und die Flächennutzung des Verkehrs und seine Auswirkungen auf Mensch und Mitwelt nicht weiter unbegrenzt wachsen.

Aufgrund der Lage im Saaletal ist die Fläche in Jena begrenzt. Gleichzeitig kommen in unserer Stadt unzählige Erwartungen und Ansprüche an den öffentlichen Raum zusammen. Gerade im Zentrum liegen die Konflikte auf der Hand: Pendler*innen möchten ihre Autos und Fahrräder fahren und parken können, Familien wünschen sich Orte zum Verweilen, Spielen und Toben, viele Menschen nutzen die Innenstadt für Spaziergänge, Treffen, zur Erholung, zum Einkaufen und, und, und. Doch berücksichtigen die heutigen Verkehrsflächen – also Straßen, Fußwege, öffentliche Plätze – all diese Interessen in gerechtem Maße?

Das finden wir nicht.

Die Bedürfnisse der Anwohner*innen, Besucher*innen, Arbeitnehmer*innen und Gewerbetreibenden Jenas werden in der aktuellen Verkehrssituation nicht nur ungleich, sondern auch insgesamt unzureichend berücksichtigt. Vor allem flächenmäßig ist die Nutzung des öffentlichen Raums unfair geregelt. Ein PKW benötigt beim Bewegen und Verweilen ganz einfach 10 Quadratmeter oder mehr, während eine andere Person mit dem Fahrrad nur einen Bruchteil dieses Platzes braucht. Der Flächenbedarf pro verweilender bzw. bewegter Person sollte ein wichtiges Kriterium für den Ausgleich zwischen den Verkehrsarten sein.

Wetterextreme wie zunehmend heiße Sommer und starke Niederschläge müssen bei der Stadtflächen- und Verkehrswegeplanung und -bewirtschaftung mitgedacht werden. In Zukunft besteht ein noch viel stärkerer Bedarf an geöffneten Stadtflächen und an Erhalt und Ausbau der Bepflanzung. Jena braucht eine atmende „grüne Lunge“. Das bedeutet wasseraufnehmende und wiederverdunstende Flächen, auf denen die Vegetation auch Schatten spendet. Das erfordert die Entsiegelung und Wiederbegrünung bisheriger Verkehrsflächen.

Die Stadt hat sich verpflichtet, bis 2035 Klimaneutralität zu erreichen. Doch wie genau kann das im Verkehrssektor aussehen? Bislang sind konkrete Schritte und absehbare Maßnahmen, die auch die oben genannten Interessenkonflikte mit ins Visier nehmen, ausgeblieben.